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Die Geschichte der Worcestersauce: von der Apotheke in die Welt

Wie zwei Apotheker aus Worcester ab 1837 eine Sauce in die Welt brachten – mit Legenden, Fakten, Firmengeschichte und warum jeder sie nachmachen darf.

6 Min. LesezeitHerkunft & Geschichte
Historischer Keller mit Eichenfässern und einer Kiste Glasflaschen im Laternenlicht
Inhalt
  1. Wer hat die Worcestersauce erfunden?
  2. Die Legende vom Lord und dem vergessenen Fass
  3. Warum reift Worcestersauce so lange?
  4. Eine Sauce aus dem Apothekensortiment
  5. Wie kam die Sauce in die Welt?
  6. Von der Apotheke zum Weltkonzern
  7. Warum darf jeder „Worcestershire“ aufs Etikett schreiben?
  8. Die Nachahmer: von Birmingham bis Dresden
  9. Häufige Fragen

Kaum eine Würzsauce hat eine so oft erzählte Entstehungsgeschichte wie die Worcestersauce. Ein Teil davon ist gut belegt, ein anderer Teil ist Firmenlegende. Hier bekommst du beides – sauber getrennt.

Wer hat die Worcestersauce erfunden?

Die Worcestersauce, wie wir sie heute kennen, geht auf zwei Apotheker zurück: John Wheeley Lea und William Henry Perrins. Die beiden betrieben in der Broad Street in Worcester, im Westen Englands, eine Apotheke. Neben Arzneien verkauften sie dort auch allerlei Haushaltswaren – eine damals übliche Mischung.

Als Gründungsjahr der Marke Lea & Perrins gilt 1837. Die ersten Flaschen gingen nach Firmenangaben 1838 in den Verkauf. Damit ist Lea & Perrins die erste Sauce, die den Namen „Worcestershire“ trug. Wie die Sauce selbst entstanden ist, weiß dagegen niemand genau.

Die Legende vom Lord und dem vergessenen Fass

Die bekannteste Geschichte stammt aus dem Marketing des Unternehmens. Wichtig vorweg: Sie ist eine Legende, keine belegte Tatsache.

Ihr zufolge brachte ein Adliger namens Lord Sandys, angeblich ehemaliger Gouverneur von Bengalen, ein Rezept aus Indien mit und ließ es von Lea und Perrins nachmischen. Das Ergebnis soll so scharf gewesen sein, dass niemand es essen mochte. Das Fass landete im Keller – und als man es Monate später wiederfand, war die Mischung angeblich zu einer runden, würzigen Sauce gereift.

Die Geschichte hat Lücken. Einen Gouverneur von Bengalen namens Sandys hat es nach allen verfügbaren Aufzeichnungen nie gegeben. Auf den frühen Etiketten hieß es nur vage, die Sauce stamme aus dem Rezept eines Adligen aus der Grafschaft. Selbst das Unternehmen hat später eingeräumt, dass die Erzählung nicht ganz wörtlich zu nehmen ist.

Warum reift Worcestersauce so lange?

Ein wahrer Kern der Legende ist die Reifung. Lea & Perrins gibt auf dem britischen Etikett an, dass die Sauce rund 18 Monate reift, bevor sie abgefüllt wird. In dieser Zeit verbinden sich Essig, Sardellen, Tamarinde, Zwiebeln, Knoblauch und Gewürze; die Schärfe der einzelnen Zutaten tritt zurück.

Das genaue Rezept ist bis heute ein Betriebsgeheimnis. Bekannt ist nur die Zutatenliste auf der Flasche. 2009 tauchte auf dem Werksgelände eine alte Zutatenliste aus dem 19. Jahrhundert auf, gefunden in einem Abfallcontainer – ein schönes Fundstück, aber kein vollständiges Rezept mit Mengen. Was in der Sauce steckt, erklärt dir unser Zutaten-Lexikon.

Eine Sauce aus dem Apothekensortiment

Dass die Sauce aus einer Apotheke kam, sieht man an der frühen Werbung. In den ersten Jahren wurde sie auch als Hilfe für die Verdauung angepriesen – ein typisches Versprechen der Zeit, das heute niemand mehr so formulieren würde. Ein Werbeheft der Firma von 1846 bewarb neben der Sauce noch ganz andere Waren, etwa ein Haarwasser und Löwenzahnkaffee. Lea und Perrins waren eben Apotheker mit einem breiten Sortiment, keine reinen Saucenhersteller.

Wie kam die Sauce in die Welt?

Der Erfolg kam schnell. Bis 1855 soll der Absatz auf rund 30.000 Flaschen gestiegen sein.

Besonders wichtig wurde der amerikanische Markt. Ab 1839 importierte die New Yorker Kaufmannsfamilie Duncan die Sauce in die USA und blieb über hundert Jahre lang eng mit der Marke verbunden. Ein Überbleibsel dieser Zeit siehst du noch heute: In den USA steckt die Flasche oft in einer Papierhülle – ursprünglich ein Schutz für den Transport per Schiff.

1897 zog die Produktion aus der Apotheke in eine eigene Fabrik in der Midland Road in Worcester. Dort wird die Sauce bis heute hergestellt.

Von der Apotheke zum Weltkonzern

Die Firmengeschichte ist eine Kette von Übernahmen:

ZeitraumEigentümer
1837–1930Lea & Perrins, eigenständig
1930–1967HP Foods (bekannt für die HP Sauce)
1967–1988Imperial Tobacco
1988–2005Danone
2005–2015H. J. Heinz
seit 2015Kraft Heinz (nach der Fusion von Kraft und Heinz)

Lea & Perrins ist also seit 2005 keine eigenständige Firma mehr, sondern eine Marke im Heinz-Konzern. Die Lea & Perrins Worcestershire Sauce und die Heinz Worcester Sauce stammen deshalb heute aus demselben Konzern, sind aber zwei verschiedene Produkte mit unterschiedlicher Rezeptur.

Warum darf jeder „Worcestershire“ aufs Etikett schreiben?

Lea & Perrins hat früh versucht, sich gegen Nachahmer zu wehren. Ab 1874 trug das Etikett eine Unterschrift der Firma, ausdrücklich als Schutz gegen täuschende Kopien. Den Namen selbst konnte das Unternehmen aber nicht sichern: 1876 entschied der High Court in London, dass Lea & Perrins keine Markenrechte am Wort „Worcestershire“ besitzt.

Seitdem gilt der Begriff als Gattungsbezeichnung – ähnlich wie „Ketchup“ oder „Senf“. Es gibt keine geschützte Herkunftsangabe und keine verbindliche Rezeptur. Jeder Hersteller darf eine Worcestershire- oder Worcestersauce anbieten, egal wo er sitzt und was er hineinmischt. Wie man den Namen übrigens ausspricht, steht in unserem Ratgeber zur Aussprache von Worcestershire.

Die Nachahmer: von Birmingham bis Dresden

Weil der Name frei ist, entstanden schon im 19. Jahrhundert zahlreiche Konkurrenzprodukte. Holbrook’s aus Birmingham etwa wurde ab 1875 hergestellt; überlebt hat davon nur ein australischer Ableger. In Sheffield entstand 1885 Henderson’s Relish, eine Sauce ohne Sardellen.

Auch in Deutschland entwickelte sich eine eigene Linie. Die „Worcestersauce Dresdner Art“ ist milder und süßer als das englische Vorbild und spielte vor allem in der DDR eine große Rolle – mehr dazu in unserem Artikel über Worcestersauce in der DDR. Heute füllen viele deutsche Hersteller eigene Rezepturen ab, oft ohne Sardellen, manche sogar ohne Malzessig.

Für dich heißt das: Hinter dem gleichen Namen stecken sehr unterschiedliche Saucen. Ob Fisch, Gerste oder Soja drin ist, verrät nur die Zutatenliste. Einen Überblick über alle Saucen, die wir verglichen haben, findest du im Vergleich.

Häufige Fragen

Wann wurde die Worcestersauce erfunden?

Die Marke Lea & Perrins wurde 1837 in Worcester gegründet, die ersten Flaschen gingen nach Firmenangaben 1838 in den Verkauf. Wie genau das Rezept entstand, ist nicht belegt.

Stimmt die Geschichte mit Lord Sandys?

Sie gilt als Legende. Einen Gouverneur von Bengalen namens Sandys gab es nach allen bekannten Aufzeichnungen nie, und auch das Unternehmen hat die Geschichte relativiert.

Wem gehört Lea & Perrins heute?

Seit 2005 gehört die Marke zu Heinz, seit der Fusion 2015 zum Konzern Kraft Heinz. Hergestellt wird die Sauce weiterhin in Worcester.

Ist „Worcestershire“ ein geschützter Name?

Nein. Ein Londoner Gericht entschied 1876, dass Lea & Perrins keine Markenrechte am Wort besitzt. Seitdem darf jeder Hersteller seine Sauce so nennen.

Wie lange reift Lea & Perrins?

Laut britischem Etikett rund 18 Monate. Das genaue Rezept ist ein Betriebsgeheimnis.